Der Feind in Uns …

Wir sind leider fast alle  in christlichen Tradition erzogen worden.

In Matthäus 12,30 heißt es: „Wer nicht mit mir ist, ist gegen mich“.

Mit den Worten „Wer nicht für uns ist, ist gegen uns“ („I’ve said in the past that nations are either with us or against us in the war on terror.“) machte George W. Bush nach den Anschlägen vom 11. September 2001 klar, dass er vom Rest der Welt bedingungslose Unterstützung im Krieg gegen den Terror erwartete. Alle anderen strafte er mit Missachtung und betrachtete sie als missachtenswerte Gegner. Wer also erzeugt sich seine eigenen Feinde durch moralische Überheblichkeit!

In Markus 9,40 heißt es: „Wer nicht gegen uns ist, ist für uns.“ Macht es das besser? Im wesentlichen wohl nicht, denn auch hier wird ein imaginärer Gegner vorausgesetzt ohne jedoch einen moralischen Universalitätsanspruch zu erheben. Man verteufelt nicht a priori den Rest der Welt. Es macht das Leben einfacher, in dem kontingenten Rest eher einen achtenswerten „Verbündeten“ zu sehen, und ihn nicht von vornherein zu „verteufeln“. Indessen wird auch hier zwischen Freunden und potentiellen Gegnern moralisch unterschieden.

Moral erzeugt und verschärft Streit. Moralkommunikation hat die Eigenschaft gesellschaftliche Konflikte zu erzeugen und zu verschärfen. Sie bezieht sich nicht auf spezifische oder einzelne Eigenschaften einer Person, sondern missachtet und verachtet die Person prinzipiell.

Auf der Hand liegt meines Erachtens, dass im politischen Kontext der Bezug auf universalistische Moralen  die Funktion der Legitimation jeglicher politischen Aktion erfüllt. Als Beispiel sei hier nur die hegemoniale US-amerikanische Deutung des Anspruchs „Menschenrechte“ genannt. Es ist auch wenig hilfreich PEGIDA als „Demokratiefeinde“ und „geistige Brandstifter“ zu titulieren. Oder schon im organisationalen Namen eine Moral mit universellem Anspruch zu formulieren: „Patriotische Europäer gegen die Islamisierung des Abendlandes“. Eine postulierte Gefahr, dessen Abwehr durch „Vaterlandsliebe“ legitimiert wäre. Als ob die „europäischen Länder, die durch das Christentum und die Antike geprägt sind“ unumstößliche Wahrheiten besitzen, die es kompromisslos zu verteidigen gilt.

„Wen solche Lehren nicht erfeuen, verdienet nicht ein Mensch zu sein.“ (Zauberflöte)

Man setzt gleichzeitig bei moralischer Kommunikation seine Selbstachtung ein, was Verhandlungsspielräume reduziert, Kompromisse erschwert, Konflikte hervorruft und schürt.

„Wer immer bei Meinungsverschiedenheiten moralisch argumentiert, setzt seine Selbstachtung ein, um seinen Anforderungen und Argumenten Nachdruck zu verleihen. Es fällt dann schwer, den Rückzug anzutreten und das als leere Hülse zu hinterlassen, was man vorher als eigene Identität aufs Spiel gesetzt hatte. […] So können Steppenbrände entstehen – und die Erfahrungen, die Europa seit dem Hochmittelalter mit religiös aufgezogenen Aufständen und Unterdrückungen, mit dem Schrecken der Inquisition, mit Kriegen um moralisch verbindlichen Wahrheiten und mit aus Empörung entstandenen Revolten gemacht hat, sollten eigentlich beim Stichwort Moral immer das gleiche Problem vor Augen führen.“ (N. Luhmann)

Man kann also vor Moral nur warnen. Probleme können nicht über Moralkommunikation gelöst werden.

„Vernunft“ oder „Recht“ helfen wenig. Dann wird die Aufgabe der Exklusion in Gefängnissen, Irrenanstalten und Arbeitshäusern vollzogen. Vernunft ist etwas, was Menschen separiert. Vernunft hängt vom jeweiligen Beobachter ab, der etwas als Vernünftig oder Unvernünftig tituliert und entsprechende Schlussfolgerungen zieht.

Gleichzeitig können wir eine Zunahme an moralischer Kommunikation beobachten. Faszinierend dabei, dass insbesondere Funktionssysteme (insbesondere das Rechtssystem und Wirtschaftssystem) dies durch eigene moralische Kommunikation gesamtgesellschaftlich forcieren.

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