Präfaktisch, Postfaktisch, Kontrafaktisch – Faktenlos durch die Nacht

Wir haben nie in einem faktischen Zeitalter gelebt. Denn sogenannte Fakten können so, oder auch anders interpretiert werden. Oder sogenannte Fakten sind überhaupt keine Fakten, sondern werden ohne jegliche Voraussetzung konstruiert – erlogen – um Meinungen zu propagieren, Interessen durchzusetzen (FakeNews) oder niedrige Bedürfnisse (lästern) aufgrund geringer Selbstachtung zu befriedigen. Selbst naturwissenschaftliche Tatsachen sind das Ergebnis von Prozessen von Konstruktion  und abhängig von der sozialen Situation des Labors, der Forschungseinrichtung und der Verhandlung über Forschungsergebnisse innerhalb des Labors.
Als Beispiele kann man den völkerrechtswidrigen Irak-Krieg oder das vermeintliche Künast-Zitat anführen.

„Die Berufung auf Objektivität ist die Verweigerung der Verantwortung – daher ihre Beliebtheit.“ (GLASERSFELD)

Obgleich es nie ein faktisches Zeitalter gegeben hat, bekommt der Begriff „postfaktisch“ (Postfaktisches Zeitalter/ post = nach/ danach) nun seinen Segen von „hoher Stelle“: Die Jury der Gesellschaft für deutsche Sprache (GfdS) in Wiesbaden hat den Begriff „postfaktisch“ zum Wort des Jahres 2016 gewählt. In einer Pressemitteilung der GfdS heißt es, der Begriff markiere einen „tiefgreifenden politischen Wandel“. Bei dem „Kunstwort postfaktisch“ handele es sich um eine „Lehnübertragung des amerikanisch-englischen post truth“, diese verweise darauf, „dass es in politischen und gesellschaftlichen Diskussionen heute zunehmend um Emotionen anstelle von Fakten geht.“

Mit kontrafaktisch existiert im Wesentlich jedoch schon ein Begriff für das beschriebene Phänomen des postfaktischen. Kontrafaktische Behauptungen reduzieren Komplexität fahrlässig, um ausgehend vom reduzierten oder verfälschten Einzelfall Allgemeines schlussfolgern zu können.

Vielleicht hat die Auszeichnung jedoch seine Berechtigung, denn Aussagen und Wahrnehmungen werden verstärkt verdreht, verändert und verfälscht. So weit verfälscht, dass sie einfach nicht mehr passen. Das Aussagen und Wahrnehmungen verdreht, verändert und verfälscht werden ist jedoch nichts neues. Egal, ob der Satz stimmt, Hauptsache alles passt in das individuelle Weltbild; Hauptsache, man braucht in der immer komplexer werdenden Welt nicht mehr nachzudenken; Hauptsache es bestätigt existierende Vorurteile; Hauptsache man kann daraus eigene Vorteile generieren; Hauptsache man fühlt sich wohl auf dumpfen Stammtischniveau unter Gleichgesinnten. Gefragt sind einfache Lösungen, um ja nicht nachdenken zu müssen. Quellen werden nicht überprüft oder gar hinterfragt.

Vielleicht macht die Auszeichnung dadurch Sinn, indem sie den Finger in die Wunde einer unheilvollen, folgenreichen Entwicklung legt und Aufmerksamkeit und Reflexion wieder fördert und psychologische Reduktionsmechanismen modifiziert. Wie fahrlässig zukünftig fehlende Reflexion sein wird, ist offensichtlich. Denn durch gezielte falsche Nachrichten – FakeNews – wird die Welt noch komplexer und lebensbedrohlich, auch wenn daraus nicht direkt Handlungen folgen.

„Am Sonntag hatten in sozialen Medien gestreute Falschmeldungen über die Ex-Außenministerin Clinton zu einem bewaffneten Zwischenfall in einer Washingtoner Pizzeria geführt. Ein Mann mit einem Sturmgewehr feuerte dort Schüsse ab, als er eigenen Angaben zufolge Gerüchten nachgehen wollte, wonach prominente Demokraten von dem Restaurant aus angeblich einen Kindersexring führten.“ (Zeit.de)

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