Wenn Ihr nicht brav seid … !

Kommentar zum Bürgerentscheid Freibad Gadderbaum:
Die Stadt Bielefeld hat wie so häufig eine Einrichtung, nämlich das Freibad Gadderbaum, systematisch verkommen lassen. Es gehört ja auch nicht zu den Prestigeobjekten der Stadt Bielefeld. Nun fehlt nach Ansicht der etablierten Parteien das Geld für eine Sanierung. Einhellig über fast alle Parteien hinweg wird die Teilsanierung abgelehnt, da sich eben kein Geld zur Steigerung der Lebensqualität der Bürger im Stadt-Säckchen befindet.
Die CDU schreibt …
Wir dürfen nicht noch mehr Schulden machen. Das wäre unverantwortlich gegenüber unseren Kindern und Kindeskindern […]. Und: Sollten die 2,5 Millionen Euro nach Gadderbaum fließen, würde das Geld an an­derer Stelle in der Stadt fehlen: Schulen, Sportplätze und Sporthallen könnten nicht weiter saniert werde, Straßen könnten nicht mehr repariert werden […].  Die für unsere Sicherheit dringend notwendige Neu­anschaffung von Löschfahrzeugen für die Feuerwehr wäre nicht möglich.
Die SPD schreibt …
Sollten sich die Bielefelder Bürgerinnen und Bürger für die Teilsanierung des Gadderbaumer Bades entscheiden, fehlt das Geld an anderer Stelle, weil diese Investition in Konkurrenz zu anderen für Bielefeld wichtigen Vorhaben steht, z. B.: Unsere Schulen könnten nicht mehr so saniert
werden wie nötig […]
Die GRÜNEN, die Ende der 70er und Anfang der 80er angetreten sind, die Lebensqualität der Menschen in der BRD nachhaltig zu verbessern, schreiben …
Insgesamt hat die Verschuldung der Stadt bereits die Summe von 1 Mrd. Euro überschritten. Bei mehr als der Hälfte der Kredite handelt es sich um „Überzie­hungskredite“, die benötigt werden um die laufenden Aufwendungen zu decken. Die andere Hälfte sind Kredite zur Finanzierung von Investitionen wie Schulen, Kindertageseinrichtungen, Kanalbau oder Sanierung von städtischen Gebäuden. […]
Die Fraktion Bündnis 90/Die GRÜNEN erkennt die Bedeutung des Freibades für den Stadtbezirk an und wertschätzt das Engagement der Gadderbaumerinnen und Gadderbaumer [wirklich netter Textbaustein, denn man häufiger bei den Grünnen liest/ hört]. Dennoch sieht sie in Abwägung der ge­nannten Aspekte keine Möglichkeit einer Sanierung des Bades aus städtischen Mitteln.
Hallo – geht’s noch? Wenn das Wahlvolk sich nicht gefügig erweist, dann werden eben keine Kanäle, kein Schulen etc. saniert, dann werden eben keine Feuerwehrlöschzüge gekauft – sollen sie doch in ihren Häusern verbrennen. Dann sind die Bürger schuld, dass nachfolgende Generation uns verfluchen.
Die politischen Entscheider sind bestimmt nicht schuld. Die Entscheider basteln vielmehr daran, sich über angemessene Prestigeobjekte Denkmäler zu setzen. Warum werden derzeit immer noch Windkraftanlagen geplant, obgleich ein Energieüberschuss besteht. Warum wird eine Stadtbahnverlängerung „Milse Ost“ für mehr als 10 Millionen € projektiert, ohne dass Bedarfe essentiell nachgewiesen werden konnten. Derzeit ist für den Streckenverlauf ja nicht einmal ein regelmäßiger Busverkehr eingerichtet. Hauptsache die Projekte/ Entscheidungen entsprechen dem derzeit allgemein akzeptiertem politischen Main Stream. Öko zu sein ist eben „IN“. Ob das der Förderung der Lebensqualität tatsächlich dient oder nicht, ist dabei egal. Hauptsache man schwimmt in einem selbst definiertem Grundkonsens auf Stammtischniveau.Das primäre Kriterium für ökologisches Handeln und Entscheiden muss jedoch die Lebensqualität der Bevölkerung/ der Menschen bleiben.

Und das Beste zum Schluss:
„Das ‚Nein‘ zum Bürgerentscheid ist Zeichen eines verantwortungsvollen Umgangs mit den städtischen Finanzen.“ (Oberbürgermeister Pit Clausen)
Dass innerhalb des politische Teilsystem aus dem Steuerungsmedium „Geld“ nun ein unumstößliches Entscheidungsmedium mit inhärenter Rationalität erwächst, dass konnte noch nicht einmal der beste Gesellschaftstheoretiker vorhersagen.  Jede Wahl gerät zur Farce und das politische System hat dann keine Legitimation mehr, wenn das Stadt-Säckle Entscheidungen determiniert. Statt zu problematisieren dualisiert und moralisiert Pit Clausen: wer mit „Ja“ stimmt handelt moralisch verantwortungslos und irrational.
Wer den Begriff der Ratio missbraucht, muss sich nicht wundern, dass das Blatt sich später einmal gegen einen selbst wendet. Rationalitätsskepsis bei den Aussagen der obigen Parteien ist mehr als angebracht. Rationalität kann nur über Reflexion erreicht werden, aber nicht jede Reflexion ist rational. Insbesondere dann nicht, wenn nur noch mit leeren Kassen argumentiert wird. Darüber werden dann ja auch die immanenten Mängel im Gesundheits- und Pflegesystem legitimiert. Man interessiert sich wenig für sinnvolle Entscheidungs-Kriterien, wenn es um die Lebensqualität der Menschen geht. Man hat keine Fantasie. Vielmehr postuliert man schlimme Folgen für abweichendes Stimmverhalten. Man darf zweifeln, ob dieser Rationalitätsbegriff noch rational ist oder nicht vielmehr Drohgebärde – „Wenn Ihr nicht brav seid …!“.

Die etablierte Rationalität wird irrational, sobald die Potentialitäten des Systems im Laufe ihrer inneren Entwicklung über dessen Institutionen hinausgewachsen sind. (H. Marcuse)

Deshalb stimmt mit „JA“ – für den Erhalt des Freibads Gadderbaum.

 

One Reply to “Wenn Ihr nicht brav seid … !”

  1. Danke für diesen Beitrag.
    Die in dem Faltblatt zur Tötung des Schwimmbades Gadderbaum genannten Argumente sind reine Frechheit.

    Was klar ins Auge springt sind eine Teilung der Argumente in die der Bürger und die der regierenden Minderheit. Wobei die berechtigten Interessen der Bürger, die das Schwimmbad Gadderbaum gern am Leben erhalten möchten mit Füssen getreten werden. Ja sogar ein Spannungsbogen des schlechten Gewissens aufgebaut wird…. und alles nur damit anderweitige Interessen der z.Z. Regierenden weitergeführt werden können.

    Die in dem Flyer genannten Argumente sind so schlecht, dass ich versucht bin eine Taktik des Schreibers zu vermuten:

    Erwecken der vom Bürger möglichen Entscheidung zur Trotzwahl. Also unter dem Motto:
    JETZT ABER ERST RECHT JA ZUM FREIBAD GADDERBAUM!!