Gastbeitrag: Der alltägliche Rassismus

Fremdschämen in Brackwede von @Kathrin

Wieder einmal sitze ich in einem Café in Brackwede, um bei einer Tasse Kaffee Zeitung lesend etwas zu verweilen. An den Tischen um mich herum sitzen Leute ab 60 Jahre aufwärts. Ich bin unbeabsichtigt Zuhörerin diverser Gespräche und Reaktionen auf Begebenheiten, die sich im und vor dem Café abspielen.

Immer wieder haben die Gespräche rassistische und menschenfeindliche Inhalte. So zum Beispiel heute: es läuft ein hagerer Mann mittleren Alters durch Brackwede in völlig abgewrackter Bekleidung. Dass er eine Hose trägt ist kaum noch zu erkennen, da sie in Streifen an ihm herunterhängt.

Kein Mensch also, der gemäß gängiger Normen gut für sich und seine Bedürfnisse aufkommen kann. Nicht erkennbar, ob er ein häusliches und betreutes Leben führt oder wirklich nur auf der Straße lebt.

Er irrt umher, spricht vor sich hin grummelnd nur mit sich selbst und ist deutlich erkennbar isoliert.

Ein zirka 80jähriger wohlgenährter Mann äußert: „man sollte ihn erschießen“.


Fremdschämen ist für mich ein in Brackwede höchst not-wendiges Gefühl geworden. Ich bin peinlich berührt von solchen Bemerkungen.

@Kathrin

4 Replies to “Gastbeitrag: Der alltägliche Rassismus”

  1. Egos gibt es leider überall. Aufmerksame, achtsame Menschen, die sich dessen bewusst sind, wie gut wir es eigentlich haben, die empathisch sind und für die Humanität eine große Rolle spielt – ja, leider gibt es von ihnen nicht sehr viele. Gut, dass wir dabei sind!!!

  2. Hallo Kathrin, einfach deutlich und freundlich ansprechen. Mitgefühl einfordern(!). Das ist denn was oft fehlt bei Menschen. Man(n+frau) kann es lediglich (wieder)erwecken. Widerstand gegen das Verhalten von Menschen hält es dummerweise sogar weiter in Existenz (alte, letztlich sogar physikalische, Weisheit). Insgesamt ein Aspekt unseres, insgesamt gesehen lange währenden gesellschaftlichen/menschlichen Kontextes. Vielleicht mehr life bei einem der kommenden Treffen. Ich beschäftige mich seit langem mit Möglichkeit(en) für einen Wandel von genau dem.
    Franz

  3. Hallo Franz,
    immerhin habe ich in Brackwede eine Debatte angestoßen: In den Cafés wird gemunkelt: wer war`s? war es einer von uns? und wer ist die Leserbriefschreiberin? Kann sie den 80jährigen identifizieren? Keiner will es sein, der ´so` denkt und sie fühlen sich auf den Schlips getreten. Mein Entsetzen wird vllt. nicht verstanden, aber ich habe etwas mehr Wachsamkeit und Diskurs in Gang gebracht. Vllt habe ich den Stachel im Auge des Anderen kritisiert und den eigenen Balken nicht gesehen, denn ich bin ja selbst voller Vor-Urteile, würde mich aber hüten, diese in aller Öffentlichkeit kund zu tun …
    Danke für deinen Kommentar.
    Kathrin

  4. Danke für Deine Anerkennung. Und wie ich lese, bist Du aktiv geworden indem Du einen Leserbrief (Zeitung?) geschrieben hast, der zu Diskussion(en) führt(e). Bin ja gespannt, was daraus entsteht. Kraftvoll wäre, wenn diese alte Mann sich (Dir oder einer vertrauten Person) zu erkennen geben würde und diese Aktion „vervollständigen“, u.a. dadurch, dasz er sich u.a. bei dem anscheinend Wohnungs-/Mittellosen Mann zu entschuldigen. Wobei das sicher ein Menge Feingefühl (und einen kreierten Kontext) braucht, da unklar ist, ob und wie dieser Mann aufnahmefähig ist. Und … er ist ein Mensch !, gleich wie er aussieht + lebt.
    Und dazu persönlich Stellung nimmt, d.h. es auch mit den Leuten vervollständigt, die das mitbekommen haben. So weit die Theorie ! Praktisch braucht dieser Mann natürlich auch zu schauen, wieso er diese Einstellung hat und sie dann so drastisch äußert. Mitgefühl, Verantwortlichkeit + Integrität fehlen hier vollständig – aus meiner Sicht. Und das läßt sich -dummerweise, weil es für ihn, wahrscheinlich aus alten Erfahrungen und somit nun „gewohnheitsmäßig“ eben so ist- nur in einem Prozeß herausfinen, der vor allem ihn konfrontiert mit dem, was fehlt (Mitgefühl,Verantwortlichkeit,Integrität).
    Damit wären wir auf eine sehr viel breiteren, gesellschaftlichen Ebene angelangt, auf der heute kaum noch Leute bereit für einen solchen Prozeß sind, da er ggf. langwierig wie unbequem ist. Es nutzt vor allem nix, auch diesen alten Mann ins „Unrecht“ zu setzen. Uns fehlt Zugang zu seiner Lebensgeschichte und den -möglicheweise fatalen- Entscheidungen, die er(!) darin getroffen hat und die wahrscheinlich zu dieser Äußerung geführt haben. Wahrscheinlich ist ihm selbst (aufgrund seiner Erfahrungen/Entscheidungen) die Tragweite und die o.g. fehlenden Aspekte nicht mal bewußt. Also bleibt dann letztlich aus Bequemlichkeit alles beim Alten. Deswegen schreibe ich dies hier auch so ausführlich, habe ich den Eindruck, dasz gerade Du Interesse daran hast, hier wirklich etwas zu bewegen. Danke für Deinen Mut.

    Du hast den oben geannten „Balken“ (Bequemlichkeit) in diesem Fall beiseite genommen und etwas gesehen/gehört und Dich dazu geäußert und damit eine Möglichkeit geschaffen, kraftvoll für alle damit umzugehen. Kraftvoll, wenn dieser Prozess dazu beiträgt, dasz in Brackwede konkret Leute dafür einstehen, dasz Menschen wie dieser alte Mann ihre Sichtweise(n) überdenken und dann bereit sind, sie zu wandeln/transformieren.

    Ich war gestern erstmals in der Hammer Mühle und hab mich an dem lebendigen Austausch insgesamt gefreut und teilw. beteiligt. Freue mich auf einen persönlichen Kontakt bei nächster Gelegenheit.

    Danke für die Zeit, meine doch ausführlichen Zeilen zu lesen.

    herzlich
    Franz